Besuch im Flüchtlingsdorf Planckstraße, 19.10.2015, 12-14 Uhr

Anmeldung am Eingang und Empfang durch unseren syrischen Bekannten, den wir, Anabel Jujol, Janina Herff und Jörg Bütefür besuchen. Unser Bekannter ist seit mehreren Wochen im Flüchtlingsdorf an der Planckstraße untergebracht.

Gemeinsam mit ihm unternehmen wir einen Rundgang durch das Flüchtlingsdorf. Auf den ersten Eindruck wirkt alles übersichtlich und aufgeräumt. Auf dem Gelände stehen mehrere große, langgezogene Zelte, die zur Unterbringung, als Speiseraum und als Gemeinschaftsraum dienen sollen.

Ein kleines „Heizkraftwerk“ sorgt für Heizung in den Zelten und warmes Wasser. Die Zeltwände sind isoliert, das Dach besteht aus einfach aussehenden Zeltplanen. Das gesamte Terrain zwischen den Zelten ist asphaltiert.

Das Flüchtlingsdorf ist für 400 BewohnerInnen ausgelegt, derzeit ist es mit gut 300 Personen belegt. Etwa ¾ hiervon sind Männer.

Zuerst gehen wir in das Küchenzelt. Wobei vor Ort selber keinerlei Speisen zubereitet werden. Es gibt eine Essensausgabe und lange Tische mit Holzstühlen, die rund 100 bis 150 Personen Platz bieten. In einer Ecke läuft ohne Ton ein großer Bildschirm mit Zeichentrickfilmen. Auf den ersten Eindruck wirkt der Raum etwas fußkalt, doch kurz nach unserem Erscheinen wird das große Heizgebläse unter der Decke angeschmissen.

An der Essensausgabe liegen kleine Bildbände über den Gruga-Park: Am Wochenende wird ein Ausflug in die Gruga angeboten. Eine prima Idee, immerhin ist die Gruga fußläufig erreichbar und in den bevorstehenden Wintermonaten ist auch kein Eintritt fällig.

Das Mittagessen besteht heute aus Lasagne. Als Nachspeise gibt es einen Fruchtjogurt. Das warme Essen wird in Aluminiumschalen gereicht, dazu gibt es Plastikbesteck. Gespült wird vor Ort offenbar nicht. An einer Seite stehen große Thermosbehälter mit Kaffee und heißem Wasser für Tee (auch hier Plastikbecher). Auf einigen Tischen stehen Tetrapaks mit H-Milch. Vereinzelt gibt es frische Tomaten, die wohl noch vom Frühstück übrig geblieben sind.

Spezielle Essen für (Klein-)Kinder gibt es nicht. Seit kurzem werden auf Nachfrage Gläschen für Babys ausgegeben. Weitere Nahrungsmittel für Babys und Kleinkinder müssen die Flüchtlinge von ihrem Taschengeld kaufen.

Anschließend geht es in den Gemeinschaftsraum. Dieser ist gleichfalls ein normales Zelt, in dem mehrere nackte Tischgruppen mit Stühlen sowie zwei Kickertische stehen – sonst nichts. Eine Spielecke für Kinder (mit Spielzeug für Kleinkinder), Malzeug, Bilderbücher etc. gibt es nicht. Einzelne Flüchtlinge spielen draußen vor den Zelten Fußball, auch mit Mitarbeitern der Security. Sowohl das Betreuungspersonal wie die Security werden von den Flüchtlingen als überwiegend freundlich bezeichnet.

An einer Wand im Gemeinschaftszelt hängen ein paar zusammengeklebte Zettel, auf denen einzelne deutsche Wörter stehen. Hier werden Deutschstunden angeboten. Mit Bildern wird nicht gearbeitet. Laut Aussage eines Bewohners unterrichtete anfangs ein Mitarbeiter, der selber nicht die deutsche Rechtschreibung beherrschte („Qu“ statt „Kuh; „Artz“ statt „Arzt“ usw.), dies scheint sich gebessert zu haben. In einer abgetrennten Nische hängen Hinweiszettel für die Betreuer. Als wir das Zelt zur Mittagszeit besuchen, ist es komplett leer.

Laut Aussagen fast aller Bewohner, die wir sprechen, sind fehlende Informationen das größte Problem. Auch nach ihrer Ankunft werden die Flüchtlinge nur sehr rudimentär über das weitere Verfahren, also das, was sie erwartet, informiert. Es soll vorgekommen sein, dass Bewohner erst einige Wochen nach Ankunft im Rahmen eines Termins bei der Diakonie, die in einem Container ein vormittags geöffnetes Büro betreibt, ordnungsgemäß beim BAMF gemeldet worden sind. Der Zeitpunkt der Registrierung ist für die Dauer des weiteren Verfahrens entscheidend.

Ebenso wenig sind die Flüchtlinge über die Strukturen und Organisationen, die sie vor Ort betreuen, informiert. Dass der Betreiber European Homecare (EHC), ein privates, gewinnorientiertes Unternehmen ist, war gänzlich unbekannt. Ebenso wenig ist bekannt, dass die Diakonie kirchlich (und nicht staatlich) ist. Am Bürocontainer der Diakonie finden wir übrigens die einzigen fremdsprachigen Aushänge (englisch, arabisch und was Kyrillisches) im Flüchtlingsdorf.

Bei Behörden-, Arzt- und Krankenhausbesuchen gibt es in aller Regel keine Begleitung durch Dolmetscher. Die Bewohner sind so letztlich auf die Fremdsprachenkenntnisse der Behördenmitarbeiter und Ärzte angewiesen.

 

Kinder unter 18 Jahren werden drei Mal wöchentlich mit dem Bus abgeholt und in Schulen gebracht.

 

Weiter geht es zu den sanitären Anlagen. Es gibt zentrale WC- und Dusch-Container mit insgesamt je 5 Männer- und Frauen-WCs und ebenso vielen Duschen. Toiletten und Duschen müssen von den Bewohnern selber gereinigt werden. Professionelle Reinigungen gab es bislang nicht. Rund eineinhalb Stunden nach unserer Ankunft kommt überraschend eine Reinigungsfirma und säubert die teils stark verschmutzten sanitären Anlagen. Die Anzahl der Toiletten muss als unzureichend (5 Männer-WCs für um die 200 männliche Bewohner) bezeichnet werden. Für nächtliche Toilettengänge müssen die Bewohner teils längere Strecken über das Außengelände, trotz Kälte, Nässe und demnächst womöglich Schnee, zurücklegen.

 

Abschließend geht es in eines der Wohn- und Schlafzelte. Rechts und links eines breiten Mittelgangs erstrecken sich auf jeder Seite rund 10 durch messebauartige Stellwände abgetrennte Schlafstätten für jeweils vier Bewohner. Über die Trennwände haben die Bewohner Kleidungsstücke zum Trocknen gehängt. Grund hierfür ist, dass es keine andere Trockenmöglichkeit für Wäsche gibt. Es gibt auch keine Waschmaschinen. Deshalb müssen die Flüchtlinge ihre Kleidungsstücke in den ohnehin zahlenmäßig zu knapp bemessenen Duschen waschen. Waschmittel haben die Flüchtlinge selber zu kaufen.

Zur „Begrüßung“ gab es für jeden Flüchtling ein Stück Seife. Weitere Hygieneartikel (auch Handtücher) müssen die Bewohner selber anschaffen.

Die Bettwäsche (Laken und Bezüge) wird durch den Betreiber auch nach mehr als sechs Wochen weder gewaschen noch gewechselt.

Positiv: Am Eingangsbereich sind zwei Steckerleisten angeschlossen, die von den Bewohnern genutzt werden können, um ihre Handys aufzuladen.

Gegen Ende unseres Besuchs erscheint der Leiter des Zeltlagers– in Begleitung gleich mehrerer Mitarbeiter. Er erkundigt sich nach dem Zweck unseres Besuchs. Er unterstellt zunächst, dass wir im Auftrag einer offiziellen Stelle (Stadt Essen) kommen, was nicht zutrifft. Bei unserer Anmeldung haben wir aber auch nicht verheimlicht, dass zwei der Besucher Ratsmitglieder sind (Anabel Jujol hatte mit ihrem Ratsausweis „eingecheckt“). Wahrheitsgemäß geben wir Herrn Martini an, dass wir einen uns vorher persönlich bekannten Bewohner besuchen. Herr Martini fragt mehrfach, warum wir uns nicht außerhalb der Unterkunft zum Kaffeetrinken getroffen hätten, bleibt aber freundlich und verabschiedet sich dann wieder. Wir stehen noch länger mit unserem Bekannten und einigen anderen Flüchtlingen zusammen, um 14 Uhr verabschieden wir uns und „checken aus“.

  1. Nachtrag

Mathea Schülke, Westpol-Redakteurin, die bei der Stadt wegen eines Drehtermins im Zeltdorf an der Planckstraße angefragt hatte, erhielt durch Dezernent Renzel eine Absage – vorsorglich gleich für sämtliche Essener Flüchtlingsunterkünfte. Auch Sebastian Auer vom WDR-Hörfunk erhielt keine Genehmigung für Tonaufnahmen.

Als Frau Schülke für den WDR von Außen Aufnahmen macht, wird sie von den Wachleuten massiv angegangen und erhält eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch.

 

  1. Nachtrag

Im Nachgang zu unserem Besuch erhielten die EHC-Mitarbeiter durch die Leitung die Anweisung, uns künftig nur noch nach vorheriger Ankündigung in das Flüchtlingsdorf zu lassen und uns während unseres Aufenthalts zu begleiten. Inwieweit diese Anweisung rechtlich haltbar ist werden wir sehen – womöglich eher früher als später…

 

  1. Nachtrag

Ausschilderung von Rettungs- und Fluchtwegen, Hinweise für den Brandfall, Aushänge mit einer Hausordnung oder sonstige Hinweisschilder (beispielsweise zum Diakonie-Bürocontainer) sind Fehlanzeige. Weder die Stadt Essen noch der Betreiber European Homecare haben den Security-Mitarbeiter verbindliche Regeln vorgegeben, die durch die Bewohner einzuhalten sind.

Aufgrund dieser Beobachtungen und Beschreibungen durch die Bewohner haben wir einen Brief an das Essener Gesundheitsamt  geschrieben und um Kontrolle der Einrichtung gebeten.
Den Brief könnt ihr hier anschauen:
2015-10-21-Brief an das Gesundheitsamt – Hinweis auf bedenkliche Zustände

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